Von Stefan Voß, dpa
Der kleine Jérôme auf der Kinderschokolade: Eine Sonderedition des
Süßigkeiten-Klassikers sorgt im Netz für Aufregung. Doch selbst die
Pegida-Führung will mit dieser Hetze gegen Migranten nichts zu tun
haben. Die katholische Kirche bringt sogar den Papst in Stellung.
Berlin (dpa) – Helle Haut, blaue Augen und strahlend weiße Zähne:
Seit Jahrzehnten wirbt Kinderschokolade mit einem lächelnden Jungen
auf der Packung. Für viele dürften die süßen Riegel mit dem Milchbubi
auf der Verpackung zu den Erinnerungen zählen, die untrennbar mit der
eigenen Kindheit verbunden sind. Die Kinderschokolade – eine gefühlt
typisch deutsche Süßigkeit.
Kurz vor der Fußball-Europameisterschaft sorgt nun eine Sonderedition
des Herstellers Ferrero für Wirbel in den sozialen Netzwerken.
Auslöser sind Jugendfotos deutscher Nationalspieler auf der
Kinderschokolade. Während die Grinse-Porträts von Mario Götze und
Lukas Podolski durchaus in das klassische Schema passen, lassen die
Aufnahmen von anderen Mitspielern stutzen. Da fällt der dunkelhäutige
Jérôme Boateng mit ernstem Jungen-Blick ebenso aus dem Rahmen wie der
kleine Ilkay Gündogan, Sohn türkischer Eltern aus Gelsenkirchen.
Gehässige Bemerkungen mutmaßlicher Anhänger der fremdenfeindlichen
Pegida-Bewegung bei Facebook haben eine Welle ins Rollen gebracht.
«Vor Nichts wird Halt gemacht», beschwert sich eine Gruppe «Pegida
BW – Bodensee» dort. Ein Sympathisant bedauert in der Kommentarspalte
das «arme Deutschland» und ruft zum Boykott des Produkts auf. Die
Facebook-Seite war allerdings am Mittwochnachmittag nicht mehr
verfügbar.
Insgesamt bleiben die rechten Pöbeleien im Netz überschaubar. Zwei
Jahre nach dem Weltmeistertitel der deutschen Nationalmannschaft –
errungen mit zahlreichen Migranten in den eigenen Reihen – lässt sich
mit rassistischen Kommentaren offensichtlich kaum noch Stimmung
machen.
Dafür sind die Gegenreaktionen im Netz umso kreativer. So kontert die
Fußball-Zeitschrift «Elf Freunde» bei Twitter mit einer
«Sonderedition für Rassisten». Die Montage zeigt einen lachenden
Nationalspieler Stefan Effenberg mit gestrecktem Mittelfinger auf der
Kinderschokolade. Deutlich friedvoller kommt Papst Franziskus daher,
der mit segnender Armbewegung auf einer Packung «Kirchenschokolade»
zu sehen ist. «Auch wir machen vor nichts Halt», schreibt das
Internetportal der katholischen Kirche unter seiner Fotomontage.
Die Pegida-Führung will mit dieser Art von Hetze gegen Migranten
nichts zu tun haben. Die Äußerungen über die
Kinderschokolade-Sonderedition seien «derart unsinnig und mit Verlaub
dumm», zitiert «web.de» Pegida-Chef Lutz Bachmann. Die Gruppe «Pegida
BW-Bodensee» sei seit Juni 2015 kein offizieller Ableger von Pegida,
sondern nutze widerrechtlich den Namen.
Die Polizei in Konstanz hat die Gruppe vom Bodensee seit längerem im
Blick. «Hin und wieder schlägt was bei Facebook auf», sagt ein
Polizeisprecher. «Aber wer dahinter steckt und wo die verortet sind,
ist eigentlich nicht bekannt.» Es sei gut möglich, dass die Gruppe
nicht vom Bodensee, sondern von irgendwo anders gesteuert werde.
Auch die Vorsitzende der rechtspopulistischen AfD, Frauke Petry,
bekommt im Netz auf einer Tafel «Panzerschokolade» ihr Fett weg.
Dabei geht die Spitze der AfD seit neuestem auf Distanz zu Pegida.
Laut Vorstandsbeschluss von vergangener Woche dürfen AfD-Mitglieder
weder als Redner noch mit Parteisymbolen bei Pegida-Veranstaltungen
auftreten.
Noch vor zehn Jahren hielt es die NPD für eine gute Idee, mit
rassistischen Sprüchen gegen Migranten in der Nationalelf zu hetzen.
Zur Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land 2006 hatte die
rechtsextreme Partei einen Spielplan mit ausländerfeindlichen
Sprüchen verteilt. Der DFB ließ den WM-Planer damals – auch im Namen
des dunkelhäutigen Nationalspielers Patrick Owomoyela – per
Gerichtsbeschluss verbieten.